Roger Waters – This Is Not a Drill: Live from Prague

Fünf vor Zwölf, Zeit für die Rille des Monats Dezember 2025: Roger Waters – This Is Not a Drill: Live from Prague

Meine Geschichte zum Album
Ich bin Pink Floyd-Fan und selbst das ungeliebte Final Cut-Album findet Platz in der Vinylothek. Wieder Schallplatten zu kaufen und zu hören habe ich mit dem Gedanken verbunden, eine „Sammlung“ mit Livealben aufzubauen. Und obwohl ich Pink Floyd’s Hauptakteure David Gilmour und Roger Waters solo nur schwer ertragen kann, habe ich mir von beiden Ex-Pink Floydlern aktuelle Livealben zugelegt. Das nennt man Toleranz, gelebte Toleranz.

An einem freien Tag möchte ich mir gepflegt und ganz in Ruhe Roger Waters This Is Not a Drill – Live from Prague reinziehen. Das sind vier schwarze Langrillen. Hätte ich ahnen können, dass sich die Angelegenheit zu einer Tortur entwickelt? Und wenn ja, was hätte ich mir stattdessen angehört?

Das kleinste Übel an diesem Livemitschnitt sind Geräusche, die sich nicht der Musik zuordnen lassen, aber auch keine Störungen im klassischen Sinn sind. Das größte Übel an dem 4 LP-Paket ist die mikroskopisch feine Vermüllung der Schallrillen. Ich habe nicht gezählt, wie oft ich aus meiner lecker Hörposition hoch mußte, um die Nadel wieder zu reinigen und weißen Krissel vom Vinyl bürsten müssen, weil das Schnarren und Knistern einfach nicht zu ertragen war. Unter dem Strich hat sich das Hörerlebnis um eine halbe Stunde verlängert. Ich bin wütend auf das Label (Sony) und dem Hersteller der Scheiben, da er sich schlechte Arbeit extra gut bezahlen lässt.

Bis auf die mehr als unangenehme Kleinigkeit mit dem Dreck, der aus den Rillen gekratzt werden musste, bin ich von dem Album positiv überrascht. Fakt ist: Roger Waters ist kein geborener Sänger, doch wie er damit umgeht, passt zu dem Livespektakel. Man muß wohl den Film gesehen haben, um die bereits erwähnte Geräuschkulisse besser zu verstehen, doch so weit möchte ich nicht gehen. Roger Waters gibt in der Jetztzeit auf seine Art und Weise Pink Floyd zum Besten und das ist schön zu hören.

Klar ist – leider – auch: Schreibt man heute über Roger Waters, muss der Gutmensch auch auf die bösen Seiten des Musikers eingehen. Künstlerische Freiheit versus einem Zeitgeist, der wegen seiner einengenden Meinungsflachheit mittlerweile nur noch schwer erträglich ist und zurecht in der Kritik steht. Der kriegsbedingt frühe Tod seines Vaters hat den Künstler schon immer angetrieben und denke ich an meinen Vater, der ebenso unter dieser Situation litt, ist mir der etwas andere Blickwinkel auf die Welt und das aktuelle Zeitgeschehen nicht fremd. Krieg ist Scheiße und was Scheiße ist, muss auch so genannt werden.

Kurzrezension
This Is Not a Drill – Live from Prague ist ein in kleinen Zügen politisches Livealbum von Roger Waters, das musikalisch eine Achterbahnfahrt zwischen bewegenden Höhen und schwachen Tiefen bildet. Roger Waters eröffnet das Konzert mit der Ansage, wer seine politischen Botschaften nicht hören will, solle an die Bar gehen. Mit 82 Jahren ist nichts von Altersmilde zu spüren. Recht so, denn es geht um Roger Waters, Musik und wer solch ein Konzert besucht oder das Album kauft, der darf nicht politischen Mainstream erwarten. Ohne die Bühnenshow verliert das Hörerlebnis eindeutig an Intensität. Wer dagegen mit kleinen Abstrichen Pink Floyd-Klassiker in neuem Gewand hören möchte, bekommt mit dem Livealbum seine gute Mischung Nostalgie.

Frankie goes to Hollywood – Bang!… The Greatest Hits of …

Fünf vor Zwölf, Zeit für die Rille des Monats November 2025: Frankie goes to Hollywood – Bang!… The Greatest Hits of …

Meine Geschichte zum Album
Wenn ich den Stil der Musik beschreiben müßte, die Trevor Horn produziert hat und mit der er sehr erfolgreich war, dann würde ich das Album Bang!… The Greatest Hits of Frankie goes to Hollywood aus der Vinylothek hervorkramen und abspielen. Es ist schon erstaunlich, wie umtriebig Trevor Horn ist, angefangen bei den Buggles über Propaganda und Art of Noise bis hin zu t.A.T.u.. Das Bouquet ist weit gefächert, irgendwie ein bisschen zum Verwechseln ähnlich, aber nicht so auffällig identisch wie bei Modern Talking.

Frankie goes to Hollywood hat mich von Anfang an mitgerissen. Sie waren die bösen Jungs, die wie Billy Idol Hotelzimmer zerlegt haben und kamen in provokanten Outfits a la Blue Oyster-Bar daher. Doch für mich war das Highlight die Peters Pop Show: Hier traf sich, wer Rang und Namen hat. Hier wurde Modern Talking ausgepfiffen und Frankie goes to Hollywood brannten 1985 als auch 1986 ihre Show ab. Das alles, wie es sich für ein Kind der DDR gehört, in Schwarzweiß. 1987 war Schluß damit. Frankie goes to Hollywood löste sich auf und ich durfte meinen Ehrendienst in der NVA ableisten.

Frankie goes to Hollywood bringen zwei LP’s heraus, Welcome to the Pleasuredome und Liverpool. Dazu gesellt sich das von mir hier besprochene Best of Bang!…. Noch heute reißt mich die Musik innerlich vom Hocker und ich finde es Schade, dass wohl persönliche Querelen das Musikprojekt so schnell zu Fall gebracht haben.

Kurzrezension
Bang!… The Greatest Hits of Frankie Goes to Hollywood ist ein kraftvolles Best of-Album, das die würdigsten Momente der Band in einem Langspieler vereint. Auf Vinyl 2020 veröffentlicht, bildet die Compilation einen umfassenden Rückblick auf die kurze und doch einflussreiche Karriere von Frankie Goes to Hollywood. Klassiker wie Relax, Two Tribes, The Power of Love oder Welcome to the Pleasuredome präsentieren die stilistische Bandbreite der Band vom provokanten Synthpop bis hin zum dramatischen Pop-Rock. Insbesondere der Einfluß Trevor Horn’s verleiht den Songs ihren charakteristisch opulenten Sound, der absolut zeitlos scheint. Bang!… ist mehr als nur eine nostalgische Rückschau. Das Album ist ein Zeugnis für die kreative Kraft und den kulturellen Einfluss einer der schillerndsten Bands der 80er Jahre.

Cigarettes After Sex – Cry

Meine Geschichte zum Album
Im Büro höre ich viel Musik. Digital. Streaming. Am Anfang Amazon Musik. Dann hat Amazon sein Primeangebot zusammengestrichen und viel Unfug mit den Prime-Zugaben angestellt, dass ich zu Apple Musik gewechselt bin. Ich bin kein Charthörer. Mich interessiert Miley Swift, oder wie die quietschenden Hupfdohlen heißen, überhaupt nicht. Ich mag lieber abseits des Mainstream wildern und habe im Laufe der Jahre viel Interessantes gefunden.

Ein Fundstück ist die Band Cigarettes After Sex. Wikipedia verortet sie im Dream Pop. Was auch immer mit Dream Pop gemeint ist, bei Cigarettes After Sex geht es ziemlich ruhig zu. Diese Ruhe hat Potential anzustecken. Genauso viel ist Potential vorhanden, die Lautsprecher bei der Büroarbeit auszuschalten, weil das monotone Dahingegleite einfach nur nervt. Just in dem Moment stellt sich die Frage, ob Greg Gonzalez Mann oder Boy ist und gar nicht aus sich raus möchte? Ich suche etwas Vergleichbares und werde nicht fündig. Mein musikalischer Horizont ist mit 1000 Alben in Vinyl verdammt klein. Deshalb folge ich Gonzales Lieblingssängerin Françoise Hardy und siehe da: Er ist der kleine Bruder, das musikalische Träumerle der französischen Sängerin.

Von den drei Cigarettes After Sex-Langspielern entscheide ich mich für Cry, dem zweiten Album der Band. Es ist temporeicher als das aktuelle X’s Album und nicht ganz so vielfältig wie das Debütalbum Cigarettes After Sex. Cigarettes After Sex ist eine Band, die über soziale Medien ihre Zuhörerschaft und damit einen gewissen Erfolg gefunden hat. Eine schöne Erfolgsgeschichte.

Kurzrezension
Cry von Cigarettes After Sex ist ein melancholisches, ästhetisch durchkomponiertes Album, das auf der einen Seite mit träumerischem Ambient-Pop und emotionaler Intimität überzeugt, auf der anderen Seite aber auch mit Wiederholungen und klischeehaften Texten kämpft. Cry bleibt dem Stil der sphärisch-hypnotischen Klanglandschaft des Debütalbums treu. Greg Gonzalez Gesang ist emotional unaufgeregt, intim und trotzdem distanziert kühl. Cry ist geeignet für stille Momente und gebrochene Herzen, ästhetisch makellos, aber emotional nicht immer greifbar. Wer sich in melancholischer Stimmung verlieren will, findet hier das nahezu perfekte Album. Für etwas mehr Tiefgang sei das Debütalbum empfohlen.

Foreigner – Double Vision – Then And Now – Live Reloaded

Meine Geschichte zum Album
Ich mag Livemitschnitte. Bands, die auf ihren Studioalben teilweise gelangweilt daher kommen, blühen auf der Bühne auf und vermitteln für den Hörer das Gefühl, wirklich dabei zu sein. In dem Zusammenhang ist Gary Numan ein Leuchtturm für mich. Seine Livequalitäten sind Extraklasse und geben dem Original auf dem Studioalbum eine emotionale Note.

Das Livealbum Double Vision – Then And Now – Live Reloaded von Foreigner ist dagegen ein schimmernd-leuchtendes Negativbeispiel. Zugegeben, Foreigner existiert für mich nur in der Ausgabe mit Lou Gramm, aber selbst in dieser Kombination war ich nie Überzeugungshörer. Ich mag halt in Liedern kein Geschrei um jeden Preis. Was mich bei diesem Doppelalbum zum Grausen bringt, ist deshalb auch nicht der Lou Gramm-Ersatz. Es ist vielmehr die dumme Angewohnheit, Livealben durch Pausen beim Titelwechsel einer Zwangssterilisation zu unterziehen. Solche Stimmungskiller sind der Coitus Interruptus der Livemusik und gehören als Warnhinweis auf das Plattencover.

Die Worte meiner Geschichte zum Album klingen wieder hart und ungerechnet. Ich finde nicht, denn es geht noch schlimmer: Jethro Tull und Living With The Past von 2022. Hier wurde beinahe alles eliminiert, was nach Stimmung und gute Laune klingt. Dagegen ist Double Vision – Then And Now – Live Reloaded ein Waisenknabe, trotz der zu verdammenden Pausen. Da mir das Differenzieren zwischen Lou Gramm und seinem Ersatzmann schwer fällt, kommen insgesamt meine Nostalgiegefühle etwas schaumgebremst daher.

Kurzrezension
Double Vision – Then And Now – Live Reloaded ist ein mitreißendes Livealbum, das Foreigner in zwei Ausgaben präsentiert. Die Originalbesetzung und die aktuelle Formation treten gemeinsam auf und liefern ein einzigartiges Konzert voller Klassiker ab. Besonders emotional ist das Finale, denn bei Hot Blooded stehen die Generationen Damals und Heute gemeinsam auf der Bühne, was sicherlich ein sogenannter Gänsehautmoment für Fans beider Generationen ist. Der besondere Moment des Livekonzerts ist für gefühlsbetonte Menschen sicherlich spürbar. Leider sind die Übergänge zwischen den Songs teils abrupt, was den Konzertgenuß einfach stört. Das Album ist ein Muss für Fans von Foreigner und Liebhaber des Rocks der 70er-/80er-Jahre.

Elbow – build a rocket boys!

Meine Geschichte zum Album
Eine Kultursendung in den Öffentlichrechtlichen, ich meine das Kulturmagazin, stellt am Ende der Sendung Neuerscheinungen aus der Musikwelt vor. Genau hier begegnet mir vor Jahren Elbow, konkret der Titel The Birds. Ich war sofort angetan und legte mir das Album in digitaler Form zu. Die ersten beiden Titel, The Birds und Lippy Kids, sind ein selten schöner Einstieg in ein Album, der in With Love seine Fortsetzung sucht. Jesus Is a Rochdale Girl setzt für mich einen weiteren Akzent in einem überwiegend ruhigen musikalischen Kunstwerk, dass ich für das beste Elbow-Studioalbum halte.

Nach dem Erstkontakt nehme ich die Band bewußt wahr und mir springen vor allem die Live-Qualitäten der Truppe ins Ohr. So ist meine erste Elbow-Scheibe Live at the Ritz – An Acoustic Performance. Es folgt weiteres Vinyl von Elbow, so auch build a rocket boys!. Zugegeben, ich kann Elbow nicht jeden Tag und zu jeder Tageszeit hören. Es bedarf der Stimmung nach einer besonderen Form der inneren Ruhe für mich.

Kurzrezension
Mit build a rocket boys! gelingt Elbow ein in sich gekehrtes und atmosphärisch dichtes Album, das sich der Erinnerung, Jugend und Gemeinschaft annimmt. Die Band bleibt ihrem bisherigen Stil treu, entwickelt ihn mit orchestralen Arrangements, subtilen elektronischen Elementen und dem Fokus auf emotionale Tiefe weiter. The Birds ist eine vielschichtige Eröffnung, während Lippy Kids mit seiner sakralen Ruhe berührt. Songs wie Neat Little Rows und Open Arms vermitteln rhythmische Energie und hymnische Wärme, während Stücke wie Jesus Is A Rochdale Girl und The Night Will Always Win viel Raum für Guy Garveys markante Stimme lassen. Das Album braucht Zeit, um sich zu entfalten. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer poetischen Reise belohnt, die Elbow als eine Band zeigt, die weiß, wo sie steht.