Ton Steine Scherben – IV

Mein Geschichte zum Album
Was geschieht, wenn Mensch zu blauäugig durch sein Leben wandelt? Er zahlt für sein Leben in einer Gesellschaft viel Lehrgeld für all die Dinge, die schiefgehen. Je mehr Lehrgeld zu zahlen ist, sinkt auch die Frustrationsschwelle mit der Zeit. Irgendwann folgt die Selbsterkenntnis, dass der Rest der Welt nur aus Neider und Lebensunkundigen besteht. Sie alle sind letztlich daran Schuld, selbst nichts geworden zu sein.

Diese Gedanken kommen mir, warum auch immer, nach fünf Langspielern Ton Steine Scherben. Der Bandname war mir Jahrzehnte geläufig. Rio Reiser ist deren Sänger, links angehaucht und der König von Deutschland. Mir ist nicht bekannt, im Westradio je einen Titel der Ton Steine Scherben gehört zu haben. Was ich gehört habe, ist die Zeile, wohl eher die Parole: Macht kaputt, was euch kaputt mach. Das dazugehörige Lied erinnert mich heute an das Festival des politischen Liedes im Berlin der DDR.

Ein Tangerine Dream-Konzert 2025 tritt für mich eine kleine Lawine los: Es wird in der Improvisation der Rauch-Haus-Song verwendet und ein paar Konzertbesucher applaudieren beinahe frenetisch. In Berlin ist vieles, vor allem jedoch anders. Am nächsten Tag ergoogle ich den bereits genannten Liedtitel und entscheide mich nach dem Lesen der Bandgeschichte, ungehört die fünf Studioalben der Ton Steine Scherben käuflich zu erwerben.

Es fällt mir schwer, für die Plattenstube eine Langrille auszuwählen. Letztendlich ist das Bouquet der Musikstile sowie der Rotzbengel-artige Trotzgesang von Rio Reiser ausschlaggebend, das Doppelalbum IV (Die Schwarze) hier lobend hervorzuheben. Vielleicht findet der deutsche Spießbürger endlich seinen Frieden mit Ton Steine Scherben und verschafft der Band die Anerkennung, die sie eigentlich verdient hat. Egal ob links- oder andersorientiert, es geht um Menschen und der Mensch hat es nicht leicht in dieser Welt, zumal er selbst an den Problemen Schuld ist.

Kurzrezension
Das Album IV von Ton Steine Scherben, ebenso bekannt als Die Schwarze, markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Band. Veröffentlicht nach einer längeren kreativen Pause im Jahr 1981, zeigt es eine neue künstlerische Reife. Es enthält weniger plakative Parolen, mehr persönliche, poetische und teils mystische Songtexte. Jenseits von Eden, Der Turm stürzt ein oder Niemand liebt mich spiegeln beispielhaft die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und inneren Konflikten wider. Musikalisch ist das Doppelalbum ein Streifzug durch Folk, Rock, Punk, Pop bis hin zu experimentellen Klängen. Neben Rio Reiser sind auch andere Bandmitglieder am Songwriting beteiligt, was dem Album wohl die besonderen Facetten verleiht. IV ist kein eingängiges Album, doch gerade der Mix aus politischer Desillusion, persönlicher Sehnsucht und musikalischer Freiheit macht die Faszination des Album’s aus.

Roxy Music – Avalon

Meine Geschichte zum Album
Eigentlich wollte ich etwas über die AMIGA-Pressung Roxy Music – The Atlantic Years schreiben. In meinen Gedanken landete ich, aus sehr unterschiedlichen Gründen, immer wieder beim Album Avalon. Es ist das letzte Studioalbum der Band und für mich das Lehrbeispiel, wie man eine Karriere auf dem Höhepunkt der Kreativität beenden kann. Wenn ich eine eigene TOP 100 meiner Favoriten führen würde, dann ist Avalon definitiv dabei. Und das Album würde sehr weit vorne landen.

Roxy Music habe ich gefühlt durch Over you und Oh yeah! vom Album Flesh and Blood aus dem Westradio wahrgenommen. Die Lieder zählen, aus heutiger Sicht betrachtet, eher zur poplastigen Endphase der Band. Nach dem gewaltsamen Tod von John Lennon gesellte sich für mich Jealous Guy dazu. Darauf folgt 1982 Avalon und ich meine sogar, dass ich die Band im Westfernsehen gesehen habe. 1985, wo bei Roxy Music alle Messen gelesen sind, bringt AMIGA The Atlantic Yeras heraus und ich werde mit dem Vorleben der Band konfrontiert. Wenn ich mich an das heutige Vokabular aus Mimosistan halte, müsste von Schock und Trauma die Rede sein. Ich kann, vorerst, mit dem Gequietsche und Gefiepse der Band nichts anfangen.

The Thrill Of It All als Digitalversion entspannt meine Haltung zum kreativen Vorleben von Roxy Music und ich kann verstehen, weshalb die Band in den Musikolymp geredet wird. Was sich nicht ändert, ist meine Vorliebe für das Album Avalon: More Than This, Avalon und The Main Thing stehen für mich ganz oben. Es sind aber auch die beiden letzten Lieder des Albums, True To Life und Tara, die zu meiner Vergötterung des Werks beitragen. Und wo ich schon in Superlativen schwelge: Mein ultimativer Roxy Music-Song ist Same Old Scene, ebenfalls aus dem Album Flesh and Blood! Müßte nicht dieses Album mein musikalisches Götzenbild sein? Nein, in seiner Gesamtheit ist Avalon unschlagbar.

Kurzrezension

Avalon von Roxy Music ist aus dem Jahre 1982 und der wohl formvollendetste Abgesang einer der einflussreichsten Art Rock-Bands der 70er bis 80er Jahre. Das Album markiert als Schlussstein die Abkehr vom experimentellen Glamrock der Anfangsjahre hin zum atmosphärischen Popsound mit Ambientelementen. Die Produktion ist perfekt makellos, die Stimmung träumerisch und melancholisch zugleich. Avalon ist ein musikalische Seelenwanderung durch eine romantisch zeitlose Landschaft, die erst noch gefunden werden muss. Avalon ist von subtiler Eleganz und der Gesang Bryan Ferry’s verführt ohne ein Wort zu viel oder zu laut. Das Album ist ein Meisterwerk und ein würdiger Abschluss der produktiven Karriere von Roxy Music.

Pink Floyd – The Dark Side of the Moon

Meine Geschichte zum Album
Mit dem Beginn der Lehre stand mir monatlich etwas mehr Alu-Geld als das bisherige Taschengeld zur Verfügung. Ich gehe davon aus, dass die Frau, die mich geboren hat, Kostgeld von mir verlangt hat. Da weder das damalige Einkommen noch die damaligen Ausgaben für das Lebensnotwendigste mit den heutigen Bedingungen vergleichbar sind, muss es damals halbwegs funktioniert haben: Während die Lizenzschallplatten heiß begehrte Ware und schnell vergriffen sind, lagen bespielte Musikkassetten deutlich länger in der Auslage. Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht und eben diese bespielten Kassetten gekauft, wenn mir das Glück nicht hold war, eine entsprechende Variante auf Vinyl zu erstehen.

Meine damalige Musikanlage (?) bestand aus Monogeräten: Rema-Receiver und Geracord-Kassettenrecorder. Über den Plattenspieler kann ich heute nichts mehr sagen. Fakt ist, die Ausstattung war mehr als bescheiden und meinem monatlichen Budget angepaßt. Später, aber noch zu DDR-Zeiten, kam ein Selbstbau-Stereoverstärker dazu. Er verschlimmbesserte nur die musikalische Gesamtsituation. Ich sage nur, dass minderwertige Drehpotis fürchterliches Rascheln und perfekte Aussetzer produzieren können.

Sowohl The Dark Side of the Moon als auch Wish you were here hatte ich mir als Musikkassette gekauft. Zeitlich fielen die Käufe nach The Wall, welches ich nur in Fragmenten kannte. Erst mit der Wende und auf CD landeten The Dark Side of the Moon, Wish you were here, Animals und The Wall in meiner digitalen Bibliothek. Mit der Vinylothek kamen ältere Alben dazu. Einen großen Bogen mache ich lediglich um The Final Cut. Ansonsten bin ich sehr von den Livemitschnitten wie P.U.L.S.E. angetan.



The Dark Side of the Moon hat für mich mit Time und Money zwei kultbehaftete Auskopplungen, die man sogar einst in der Disco gespielt hat. Für mich ist das Album und The Great Gig in the Sky, insbesondere in Livemitschnitten, ein wunderbares Beispiel, wie Gesang in nerviges Jammern münden kann. Ich bin mir der Tragweite der Aussage bewußt, dafür von Hardcore-Fans verbal gesteinigt zu werden. The Dark Side of the Moon ist ein Meisterwerk und ich zolle ihm Respekt. Schreien ist jedoch Punk und kein Gesang. Mein Herz schlägt dann doch eher für Alben wie Wish you were here, gefolgt von Animals. Shine On You Crazy Diamond, Wish You Were Here und Sheep sind meine Favoriten. Was macht für mich den Reiz an Pink Floyd aus? Wish You Were Here liefert das perfekte Beispiel: Es sind die scheinbar imperfekten Details im Hintergrund des Titel. Geräusche und Störungen, die die Musik nicht steril wirken lassen.

Kurzrezension
The Dark Side of the Moon von Pink Floyd zählt zu den einflussreichsten Alben der modernen Musikgeschichte. Mit der nahtlosen Verbindung von Progressive Rock, psychedelischen Elementen und Themen wie Zeit, Geld und menschlicher Wahnsinn, setzt es neue Maßstäbe. Titel wie Time und Money sind moderne Meisterwerke. Die Produktion des Albums ist geprägt von Alan Parsons. Sie beeindruckt mit innovativen Soundeffekten und nahtlosen Übergängen. Das Album ist sowohl musikalisch als auch konzeptionell zeitlos.

Yes – 90125

Meine Geschichte zum Album
Es wird ein bisschen peinlich: Als ich um 1983/84 unangekündigt den Titel Owner of a Lonely Heart hörte, dachte ich zunächst an The Police. Zugegeben, der Gesang und die Stimme passte nicht ganz zu Sting, doch von Zeit zu Zeit neigen Sänger und Sängerinnen zum Qieken und Quietschen, warum nicht auch Sting. Zu meiner Ehrenrettung muss ich gestehen, dass ich zu dieser Zeit in einer festen Beziehung lebte, die 1984 in einer Ehe mündete, in Pankow wohnte und einer geregelten Arbeit nachging. Da bleibt nicht viel Zeit für Hobbypflege Musik. Eines Nachts, im Jahre 1984, sah ich in den Dritten des Westfernsehens eine Aufzeichnung eines Yes-Konzerts und es wurde beim Reinzappen Owner of a Lonely Heart gespielt.

Kurz vor Beginn meines Wehrdienstes 1987 hatte ich mitbekommen, dass Yes mit Big Generator einen Nachfolger herausgebracht hat. Durch besagten Wehrdienst, es war in der Zeit nicht möglich und erst Recht nicht erlaubt Westmedien zu konsumieren, war ich sehr schnell aus dem aktuellen Musikgeschehen heraus. Nach der Wende war 90125 eines der ersten Alben, welches ich mir gebraucht zugelegt habe. Außerdem legte ich mir neben 90125 auch Big Generator als LP zu. Es ist für mich so eine grundsätzliche Sache, eine Veröffentlichung in ihrer Gesamtheit, also alle Titel des Albums zu hören.

In die Wendezeit fiel auch die Veröffentlichung Anderson Bruford Wakeman Howe von Anderson, Bruford, Wakeman und Howe. Auch das habe ich mir zugelegt und hatte nun einen bunten Cocktail Yes und seine Ableger. Keinen Zweifel, dass Owner of a Lonely Heart eine kommerzieller Megaerfolg für Yes war. Nur spiegelt für mich der Erfolg nicht die Musik von Yes wider. Denn gerade die alten Lieder des oben erwähnten Livemitschnittes hatten es mir angetan. Und dem kam Anderson Bruford Wakeman Howe am Nächsten. Meine digitale Musikbibliothek umfasst Yes – The Studio Albums 1969 – 1987 und wenn Starship Trooper, Long Distance Runaround, The Gates of Delirium oder Awaken erklingt, geht innerlich in mir mehr die Post ab.

Kurzrezension
90125 ist ein bemerkenswertes Yes-Album aus dem Jahr 1983, das die Band in eine neue Ära führt. Mit geänderter Besetzung und einem modernen Sound entfernt sich Yes vom klassischen Progressive Rock, bedient sich eingängiger Melodien in radiotauglichen Arrangements. Der größte Hit des Albums und der Bandgeschichte überhaupt, Owner of a Lonely Heart, brachte Yes einen weltweiten kommerziellen Erfolg, der von Trevor Horn produziert ist. Das Album markierte eine Neuausrichtung der Band und ist ein faszinierendes Werk für Fans des 80er-Jahre-Sounds.

Genesis – The Lamb Lies Down on Broadway

Meine Geschichte zum Album
In meiner Kindheit und zu den Anfängen meiner Jugend habe ich in Berlin-Weißensee gewohnt. Antonplatz, über dem Kino Toni. Keine 500 Meter davon entfernt war ein Plattenladen, in dem ich regelmäßig reingeschaut habe. Auch wenn das Taschengeld keine großen Sprünge zu ließ, landeten einige AMIGA-Lizenzscheiben bei mir. Die andere Quelle, zumindest zeitweise solche Schallplatten zu hören, war die Bibliothek in der Pistoriusstrasse. Irgendwann folgte dann der Umzug nach Pankow. Der nächste Plattenladen war weiter weg und eine öffentliche Bibliothek habe ich dann auch nie wieder benutzt.

Irgendwo dazwischen hatte ich das erste Mal Kontakt mit Genesis. Natürlich kannte ich die Gruppe und ihre Lieder aus dem Radio. Doch es waren eher die eingängigen Hits und nicht das, was in der Ära Peter Gabriel hervorgebracht wurde. Alles was mit Genesis und den Soloprojekten zu tun hat, erschloß sich mir erst nach dem Mauerfall. Wohl weil The Lamb Lies Down on Broadway ein Angebot war, holte ich mir die Doppel-LP. Sie hatte rein gar nichts mit der Hitmaschine unter Phil Collins als Sänger zu tun und es brauchte schon zwei oder drei Hörgänge, bis meine Liebe zu ihr entbrannt ist. Insbesondere Seite drei mit Lilywhite Lilith und The Waiting Room sind für mich noch heute Titel, bei denen ich mich Frage: Was wäre aus Genesis geworden, wenn die Fünferbesetzung so geblieben wäre?

Hätte, hätte, Fahrradkette. Carpet Crawlers gehörte zur Setlist der Band, war quasi ein Muss. 2007 hatte ich das Vergnügen, Genesis Live im Berliner Olympiastadion zu sehen. Ein Erlebnis, auch wenn ich im Anschluß vom stundenlangen Stehen keine Beine mehr hat. In letzter Zeit habe ich mich sogar Steve Hackett geöffnet, insbesondere den aktuelle Livemitschnitten, in denen er sowohl alte Genesis-Titel als auch sein eigenes Material spielt.

Kurzrezension
The Lamb Lies Down on Broadway ist ein Konzeptalbum aus dem Jahr 1974, das als eines der ambitioniertesten Alben der Band gilt. Es erzählt die surrealistische Geschichte von Rael, einem puertoricanischen Straßenjungen in New York, der sich auf eine mystische Reise begibt. Musikalisch verbindet das Album komplexe Arrangements mit kraftvollen Melodien und experimentellen Soundlandschaften. Songs wie In the Cage, The Carpet Crawlers und The Colony of Slippermen zeigen die Vielseitigkeit der Band und die emotionale Tiefe von Peter Gabriels Gesang, der Geschichte des Albums verstärkt. Das Album ist Gabriels letzter Auftritt als Sänger von Genesis und ist noch heute ein Meilenstein des Progressive Rock.