Supermax – World of Today

Meine Geschichte zum Album
Aus heutiger Sicht betrachtet, erinnert mich das Kurt Hauenstein-Projekt Supermax an Roy Black. Letztgenannter wollte immer ein Rockmusiker sein und wurde von der Öffentlichkeit als Schlagersänger wahrgenommen. Ähnlich ist es bei Kurt Hauenstein: Mit seinen Titeln Love Machine und It ain’t easy brachte der Österreicher Klassiker der Danceszene heraus und war in der allgemeinen Wahrnehmung damit für immer auf Disco festgelegt.

Bei beiden genannten Musikern nehme ich mich vom allgemeinen Fokus nicht aus: Roy Black war auch für mich der Schlagerheini, Supermax eine Discoband mit den wackelnden Zuckerpuppen. Dabei hätte mir, die zweite Auskopplung aus World of Today war damals Camillo, ein klitze kleines Licht aufgehen müssen, dass das nicht nur Musik für Diskogezappel ist.

Neben World of Today gehört auch das Album Fly with me erwähnt. Grund ist der bereits erwähnte Titel It ain’t easy, für mich im Vergleich zu Love Machine der vielleicht bessere Diskotitel von den beiden. Dann hört es aber bei mir auch schon auf. Ich war erstaunt, dass das Album World of Today neu aufgelegt wurde. Fly with me ist dagegen ein Gebrauchtkauf in der Vinylothek. In der Gesamtheit bleibt jedoch World of Today für mich deutlich besser hörbar.

Kurzrezension
World of Today ist ein musikalisches Werk der späten 70er, das Disco, Funk und elektronische Klänge zu einem hypnotischen Mix vereint. Supermax, angeführt vom österreichischen Musiker Kurt Hauenstein, liefert mit diesem Album einen Sound, der zwischen spaciger Eurodisco und groovigem Synth-Funk pendelt. Der Titel Lovemachine ist der unbestrittene Hit des Albums, ein fast neunminütiger Discotrip mit treibendem Beat und sinnlicher Atmosphäre, der es bis in die Charts von Deutschland, Österreich, der Schweiz und sogar den USA schaffte. Auch World of Today als Titeltrack überzeugt mit seinem coolen Groove. Die Produktion von Peter Hauke ist detailverliebt und bringt die Vielfalt der eingesetzten Instrumente zur Geltung. World of Today ist ein Album, das zwischen ernsthafter Botschaft und tanzbarer Leichtigkeit balanciert.

Ólafur Arnalds & Nils Frahm – Loon

Meine Geschichte zum Album
Verträgt der lärmdurchtränkte Durchschnittsmensch überhaupt noch Stille oder bekommt er im Lautlosen ein Stresspustel-Syndrom? Als Autor des Beitrags muss ich das fragen, denn weder Ólafur Arnalds noch Nils Frahm sind als Meister der lauten Klänge bekannt. Manchmal muss ich richtig hinhören um zu registrieren, dass es da etwas zu hören gibt. Musik muss wirklich nicht laut sein. Das ist ein Märchen, ein Narrativ oder wie man es heute auch immer nennen mag. Laut macht in Wirklichkeit nur aggressiv.

Von beiden Künstlern, Nils Frahm und Ólafur Arnalds, bin ich sehr angetan. Wie ich zu jedem einzeln und als Kollaborateure gekommen bin, lässt sich für mich mit Kiasmos (Ólafur Arnalds) und Coming Home by Sven Väth nachvollziehen. Beim Letztgenannten klärt mich ein Modell beim Fotoshooting auf, dass die Passage am Ende des Continuous Mix Nils Frahm mit Says ist. Neugierig geworden, begebe ich mich digital auf Entdeckungsreise und irgendwann landen mehrere schwarze Scheiben Vinyl in meiner Vinylothek.

Einige der erworbenen Schallplatten sind bei Erased Tapes Record veröffentlicht. Beim Kauf einer Erased Tapes Record-Scheibe gibt es den digitalen Downlod oben drauf. Der entsprechende Code findet sich im Inneren des Covers. Beim ersten Download gab es zusätzlich eine kostenlose Various Artists-Sammlung dazu, die meinen musikalischen Horizont bereichert hat.

Kurzrezension
Das 2015 erschienene Loon ist ein Projekt, das die musikalichen Handschriften zweier Meister der modernen Ambient- und Elektronikmusik in sich bündelt. In fünf minimalistisch ausgeführten Tracks verschmelzen Frahms Klangmuster mit Arnalds’ atmosphärischer Virtuosität. Die Titel sind meditative Skizzen, die sich allmählich entfalten und ihre hypnotische Wirkung freisetzen. Das Besondere ist die Live-Produktion: Die Künstler improvisieren mit ihren Synthesizern und zeichnen ihre Musik auf Band auf. Loon ist ein stilles Statement, ein leiser Dialog zwischen den Klangwelten zweier musikalisch gleichberechtigter Künstler. Wer sich auf das fein gesponnene Klangnetz einlässt, wird mit einem unaufdringlichen Hörerlebnis verwöhnt, das seine volle Wirkung selbst in der Konzentration oder in einer entspannten Abendstimmung entfaltet.

New Radicals – Maybe You’ve Been Brainwashed Too

Meine Geschichte zum Album
Wohl eines der am meisten verkannten Musikalben, die mir in meiner Musikhörerkarriere untergekommen sind, ist Maybe You’ve Been Brainwashed Too von New Radicals. Mag die Singleauskopplung You Get What You Give nicht zu 100% der Popsong schlechthin zu sein, so ist das Album in seiner Gesamtheit unschlagbar. Es kommt keine Sekunde Langeweile auf oder es wird nicht einmal versucht, You Get What You Give in einem weiteren Lied zu kopieren. Ein gutes Album muss nicht aus einer Titelfolge bestehen, bei der der Körper die ganze Zeit am Zappeln ist. Das Album gehört zu meinen TOP 100-Favoriten.

Wie ich zu Maybe You’ve Been Brainwashed Too kam, kann ich nicht mehr sagen. Es war auf alle Fälle der Titel You Get What You Give, soviel ist sicher. Und hätte ich den Titel aktuell nicht in einer neuen Interpretation in einem TV-Spot von Persil gehört, wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, das Album auf Vinyl zu suchen. Es erschien ursprünglich kurz vor der Jahrtausendwende und ich hatte wenig Hoffnung, dass es außer digital oder auf CD in Vinyl gepresst wurde. Mein Haus- und Hoflieferant für Neuware JPC hatte es sofort lieferbar und ich mußte es käuflich erwerben.

New Radicals, das ist/sind Gregg Alexander und laut Wikipedia auch Danielle Brisebois. Das sagt mir zumindest erst einmal nichts. Lese ich im Zusammenhang mit Gregg Alexander jedoch Inner Smile von Texas, Life is a Rollercoaster von Ronan Keating oder Murder on the Dancefloor von Sophie Ellie Bextor, dann haben die genannten Titel eine gewisse musikalische Nähe zu den New Radicals. Immerhin ist Gregg Alexander als Autor und/oder Produzent zumindest mitbeteiligt. Ich muss gestehen, bei Inner Smile innerlich völlig abzugehen. Den Song halte ich für den besten Texastitel, auch wenn er sehr New Radicals-Style ist.

Kurzrezension

Maybe You’ve Been Brainwashed Too von New Radicals ist ein Pop-Rock-Album, das 1998 erschien und bis heute als unterschätztes Juwel gilt. Obwohl es das einzige Album der Band ist, hinterließ es mit dem Hit You Get What You Give einen bleibenden Eindruck. Das Album war im Grunde ein Solowerk von Gregg Alexander, der fast alle Songs schrieb, produzierte und selbst performte. Unterstützt wurde er unter anderem von Danielle Brisebois, deren Backgroundgesang dem Album zusätzliche Tiefe verleiht. Es kombiniert radiotauglichen Mainstream mit britisch beeinflusster Pop- und Rockästhetik und erinnert an Künstler wie Oasis, R.E.M. und sogar Prince. Alexander verarbeitet gesellschaftskritische Themen mit einer Mischung aus Sarkasmus und Romantik. Besonders der Titeltrack zeigt seine kritische Haltung gegenüber Konsum und Medien. Maybe You’ve Been Brainwashed Too ist voller Energie, Emotion und cleverer Texte. Es ist ein musikalisches Statement gegen Oberflächlichkeit und für Authentizität. Wer über den One-Hit-Wonder-Status hinausblickt, entdeckt ein Werk mit überraschender Tiefe und Vielfalt.

Sparks – No. 1 in Heaven

Meine Geschichte zum Album
Aus heutiger Sicht betrachtet ist Sparks für mich ein musikalisches Unikum. Das sind die beiden Typen, Brüder, die seit über 50 Jahren gemeinsam Musik machen. Da ist das Lied Big Boy, das so gar nicht in den Film Achterband passen will. Da sind aber auch La Dolce Vita und Beat the Clock, die ich irgendwann im Westradio aufgeschnappt habe. Beide Titel sind für mich Kaugummi-Songs: Einmal gehört, kleben sie am Hacken respektive im Gehörgang und ich werde sie nicht mehr los. Produziert wurde das Album No. 1 in Heaven von Giorgio Moroder, der mit Donna Summer und dem Album I Remember Yesterday bereits Erwähnung in der Plattenstube gefunden hat.

Zurück zu Sparks: Mit When Do I Get to Sing ‘My Way’ tauchen Sparks Jahre später wieder in meinem Radar auf. Meine erste Reaktion war die Verwunderung, dass es Sparks noch immer gibt. Der Titel selbst ist aus meiner Sicht nicht mit La Dolce Vita oder Beat the Clock vergleichbar, ein gewisser kommerzieller Erfolg ist er trotzdem. Und wenn ich bei Erfolg bin, muss ich natürlich This Town Ain’t Big Enough for Both of Us und Amateur Hour vom Album Kimono my House erwähnen. Schaue ich mich im endlosen Internet um, wird vom No. 1 in Heaven-Album der Titel The Number One Song in Heaven als Hit erwähnt. Damit kann ich überhaupt nichts anfangen.

Kurzrezension
Das Sparks-Album No. 1 in Heaven aus dem Jahr 1979 ist ein Werk der Kategorie elektronischen Popmusik und markiert einen radikalen Wandel im Schaffen der Mael-Brüder. Produziert von der Disco-Legende Giorgio Moroder, verabschiedet sich das Album vom Glamrock der frühen Sparks-Jahre. No. 1 in Heaven taucht in populäre synthetische Klangwelten ein. Die sechs Tracks sind gekennzeichnet von minimalistischen Arrangements und Russell Maels markanter Falsettstimme. Beat the Clock und The Number One Song in Heaven verbinden tanzbare Musik mit verspielt eingesetzter Technik. No. 1 in Heaven ist ein kommerziell erfolgreiches Sparks-Album, das Größen wie Depeche Mode und Pet Shop Boys inspiriert hat und ein Muss in jeder gut sortierten Plattensammlung ist.

Talk Talk – The Colour of Spring

Meine Geschichte zum Album
Der Erstkontakt mit Talk Talk war hochnotpeinlich*: Such a Shame! Warum astet und fakebrüllt Mark Hollis mit einem Eierwärmer auf dem Kopf im Video so herum? Seit Nana, Taddel und Mel aus Hartz und Herzlich weiß ich, dass die Eierwärmer größer und mittlerweile auch von Frauen getragen werden. Such a Shame, das offizielle Video dazu und It’s my life, garantiert alles in der Musiksendung Formel 1 gesehen, sorgte dafür, dass Talk Talk auf meinem persönlichen Index landete.

Eine Meinung ist dazu da, geändert zu werden. Wohl weil ein Schnapper, erwarb ich das Digitalalbum The Very Best of Talk Talk. Es war Give It Up und Life’s What You Make It das mich einsehen ließ den Bann zu lösen und Talk Talk wohl unrecht angetan zu haben. 2019 starb Mark Hollis und die Kenner der Kenner erhoben ihn zum Genie. Mit der Vinylothek kamen auch vier Talk Talk – Langspieler dazu, einschließlich meiner einstigen Hasskappe It’s my life. Ich musste feststellen, dass Talk Talk mehr als das Gezappel war, mit dem ich vor Jahren nichts anfangen kann.

The Colour of Spring halte ich für das stärkste meiner vier Talk Talk-Alben. Alle acht Titel sind dazu geeignet, wirklich allein mit sich selbst zu sein und hörgefühlsmäßig nicht überfordert zu sein. Still wie Spirit of Eden und laut wie It’s my Life geht eben anders und doch ist das Gehörte schön. Mit der Einsicht muss ich nur noch eines tun: Sorry Mark Hollis. Das soll nie wieder vorkommen. Als Beweis für meine tiefe Reue kaufe ich The Very Best of Talk Talk als Doppel-LP – Version.

Kurzrezension

Das Album The Colour of Spring markiert einen Wendepunkt in der künstlerischen Entwicklung von Talk Talk. Mit ihm entfernt sich Talk Talk spürbar vom Synthpop und schuf ein Werk, welches sich zwischen Art-Rock, Elementen des Jazz und experimentellem Pop bewegt. So verbindet Life’s What You Make It Eingängigkeit mit Tiefe, während Chameleon Day oder April 5th den Weg in die sphärische Klangwelt des Nachfolgealbum Spirit of Eden erahnen lässt. Statt kaltem Elektroniksound überrascht The Colour of Spring mit seiner natürlichen Instrumentierungen und vielen Details in einer spirituell erscheinenden Atmosphäre. The Colour of Spring ist ein zeitloses wie auch emotionales Erlebnis, das wächst, je öfter man es hört.

* Hochnotpeinlich ist als schmerzhaft, scharf und/oder Tortur zu verstehen. Wer es immer noch nicht begriffen hat, vielleicht hilft das Stichwort Folter weiter.